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DIE UELEN UND IHRE GESCHICHTE

 

Das erste schriftliche Dokument, das uns vorliegt und von der Existenz der Uelen zeugt, datiert vom 20. Juli 1881. Der erste Eintrag in dem ersten Stammbuch der Uelen lautete:

 

 „Die Dir sagen „wahrscheinlich“, die kommen sicher. Die Dir sagen „sicher“, die kommen meistens nie.“

 

Auf der folgenden Seite dieses Buches sind dann die „Stammherren der „Uehl“ mit ihren Unterschriften verewigt. Dies waren die Männer, die zwei Jahre zuvor, im Herbst des Jahres 1879 die Uel, die wie man sieht, in dem ersten schriftlichen Dokument noch mit „h“ geschrieben wurde, gründeten. Es waren klangvolle Namen, die in der Stadtgeschichte, ja auch weit über diese mittelgrosse Stadt an der Düssel hinaus, bekannt wurden. Viele der Gründungsväter waren massgeblich an der industriellen Entwicklung Düsseldorfs und des Rheinlandes beteiligt, andere an der Begründung des Ruhmes der Düsseldorfer Kunstakademie, ein nicht unwesentlicher Teil sorgte für die Verwaltung und die Jurisdiktion. Der berühmte Amtsrichter Hartwich war unter ihnen, ein Mann der im gesamten Reich wegen seiner Schriften über die Wichtigkeit des Sports in der Erziehung bekannt und massgeblich an der Einführung des Schulsportes in Preussen beteiligt war, die Brüder Klingelhöfer, persönlich haftende Gesellschafter des Handelshauses Trinkaus, die beiden Brüder Pfeffer von Salomon I und II, der Poet Varenkamp, genannt „die (Zer-)Fahrenheit, Fred Vezin, der Kunstmaler, der Farbenfabrikant Schmincke und der Kommandant des Schlosses Benrath, Major Armand von Ardenne, der, was in dieser Chronik noch eine Rolle spielt, mit einer hübschen und charmanten Ehefrau verheiratet war. Carl Hugo Erbslöh, Wilhelm Wallrabe, Anton Richard und Theodor Eichmann gehörten ebenso dazu, wie Hans Dahl, der noch vor den Gebrüdern Henkel in Düsseldorf eine Fabrikation von Seifen betrieb.

 

Woher aber wissen wir, dass die Uelen sich im Herbst des Jahres 1879 zusammenschlossen, wenn ihr erstes Dokument aus dem Jahre 1881 herrührt. Dies ist einer Tochter der Uelen, dem Düsseldorfer Ruderverein, gegründet am 17.05.1880, zu verdanken. Die Gründungsmitglieder des Düsseldorfer Ruderverein, Carl Hugo Erbslöh, ein Fabrikant aus Düsseldorf, Wallrabe, Richard und Eichmann haben in den Annalen des Rudervereins die Entstehung des Bundes der Uelen festgehalten. Darüber hinaus ergibt sich aus dem 2. Band des „Uelenbilderbuch“, dass am 16.XI.1929 das 50-jährige Jubiläum der Uelen gefeiert wurde. Kurzum, die Gründung im Herbst 1879 kann als historisch gesichert gelten.

 

 

Wie alles begann

 

Man mag es heute kaum glauben, aber der Freundeskreis der Uelen ist ein echtes Kind der Altstadt, ja man kann nicht nur sein Geburtshaus, vielmehr sogar das Geburtszimmer genau bestimmen. Das Haus stand und steht – nach dem 2. Weltkrieg aus den Trümmern wieder aufgebaut - in der Ratinger Strasse, das Geburtszimmer im Parterre nach hinten heraus, ein von aussen nicht einsichtiges Hinterzimmer der Gaststätte „Uel“. Die Uel war beileibe kein gutbürgerliches oder gar vornehmes Restaurant, es eine schlichte Kneipe zu nennen, wäre kein Unrecht. Überhaupt gehörte die Ratinger Strasse am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts nicht zu den Strassen, in denen die besseren Leute wohnten oder auch nur verkehrten. Über die schon im 16. Jahrhundert errichtete Neue Stadtbrücke, die die damals noch nicht unterirdisch verlaufende Düssel überquerte, war die sogenannte Neustadt erschlossen worden. Seitdem waren die höheren Stände aus den engen Gassen der Altstadt in Richtung Carlsplatz, Citadell- und Flingerstrasse abgewandert. Das bessere Leben spielte ich bald schon in der Neustadt, später dann in der noch weiter nach Süden bis hin zum Spee’schen Palais sich ausdehnenden Carlsstadt ab. Die eigentliche Altstadt, im Norden durch den Eishafen begrenzt, im Süden durch Andreas- und Bolkerstrasse, verlor an dem, was man heute wohl Wohn- und Lebensqualität nennen würde. Mit der dritten Stadterweiterung verlagerte sich das Leben der Mittel- und Oberschicht, insbesondere das der Beamten und Offiziere noch mehr nach Süden. Die Friedrichstadt, das Gebiet südlich der Graf-Adolf-Strasse und des Bergischen Bahnhofes mit ihren grosszügigen Miethäusern der Gründerzeit, wurde zum bevorzugten Wohngebiet des Mittelstandes.

 

Das gesellschaftliche Leben spielte sich wahrlich nicht in den Kneipen auf der Ratinger Strasse, der Uel, dem Ochsen, ab; wenn man in die Altstadt ging, dann zum Weinhaus Tigges oder zur Tante Anna. Uel und Ochse waren den Rheinkadetten, den Tagelöhnern und den mehr oder weniger obdachlosen Herumtreibern überlassen. In diesen Kneipen wurde Bier und Schabau (Schnaps) getrunken, nicht aber der edle Rheinwein. Man sass nicht auf Stühlen, vielmehr auf langen Bänken, die vor ungehobelten Tischen standen. Der Wirt des Ochsen bot seine Gaststube als wohlfeiles Nachtquartier für Obdachlose an. Diese schliefen auf den Bänken, zwei Seile, eins im Rücken gespannt, eines vor den Schläfern, dienten als Lehne und Kopfkissen. Des Morgens in der Früh gab es dann ein grobes Erwachen, da der Wirt der Einfachheit halber beide Seile mit einem Ruck löste, so dass die Schläfer, unsanft aus ihren alkoholumnebelten Träumen gerissen und, der stützenden Seile ledig, zu Boden geworfen wurden. Die Uel war zumindest etwas feiner. Hier wurde des Nachts zugesperrt. Übernachtungsgäste der betrunkenen Art gab es in der Regel nicht.

 

Wie kam es nun, dass dieser erlauchte Kreis ein so wenig repräsentatives Geburtshaus hat. Wer kam auf den Gedanken, in dieser Kneipe zusammen zukommen, um einen Verein zu gründen, der die besten Köpfe der Stadt zu seinen Mitgliedern zählte.  Im Jahre1879 nämlich entdeckten Gleichgesinnte einen unschätzbaren Vorteil der Uel. Diese hatte ein Hinterzimmer, in dem man sich unbeobachtet treffen konnte. Hier konnte man, weitab von den strengen Konventionen des Kaiserreiches, fortschrittlichen, ja manchmal schon fast revolutionären Ideen nachgehen, konnte diskutieren über Dinge, die in der Welt des Adels und des Bürgertums als anstössig und gefährlich galten. Keine  Vorgesetzten, keine  höheren Chargen, keine Eltern und Erbonkel konnten den kritischen Stimmen von Sturm und Drang lauschen. Dazu konnte man Bier trinken und den Gedanken der Jugend, die schon immer auf die Verbesserung der Welt gerichtet waren, nachhängen, ohne dass dies Karriere und Ansehen gefährdete. Ja, man konnte sich auch mit den, allgemein eher misstrauisch beäugten Kunststudenten und Malern der nahen Kunstakademie treffen. Man nannte sich, den Namen der verschwiegenen Herberge aufgreifend, „die Uelen“  oder auch „Uelenbrüder“. Man kam regelmässig, zwei Mal die Woche zusammen, um bei Bier und rustikalem Imbiss Gedanken auszutauschen und Freundschaften zu pflegen.

 

 

Der tiefere Sinn der Uelen

 

Was wollen die Uelen, was hält sie über einen Zeitraum von nunmehr 125 Jahren zusammen? Anders als die meisten Vereinigungen, die in den Industrie- und Verwaltungsstädten im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, war der Bund der Uelen kein Zweckbündnis, um Beziehungen zu begründen und zu pflegen, er hatte keine Ziele, die er erreichen wollte, er war ein Hort für freie Meinungsäußerungen, ein Forum des Austausches von Gedanken, mögen sie noch so kontrovers gewesen sein, ein Garten, in dem Geist und Witz gehegt und gepflegt werden konnten. Man wollte niemals ein ernster Debatierclub sein, keine Gemeinschaft von Weltverbesserern, keine Runde von Moralaposteln oder Pharisäern. Der tiefere Sinn, der sich manchmal schon dem surrealistischen Un- oder Widersinn annäherte, spiegelt sich in dem Wahlspruch der Uelen wider:

„Bei dem Symbol der Weisheit sitzen,

heisst sich noch nicht vor Torheit schützen,

doch wenn bei kernig guten Witzen

die angeregten Geister blitzen,

dann rückt in diesem Blütenschmelz

man schon der Wahrheit auf den Pelz“

 

 

Die Gststätte "Uel" als Heimstatt der Uelen

 

Welche Atmosphäre das Lokal "Uel" im ausgehenden 19. Jahrhundert auf ihre Gäste ausstrahlte, können wir in einem Reisebericht von Walther von Diest in seinem Buch "Eine freie Rheinfahrt von Bieberich bis Antwerpen" entnehmen. Dort beschreibt er die Ankunft seiner Ruderer im Jahre 1881  in Düsseldorf:

 

"In Düsseldorf wurden die Boote im Wohnhause des D.R.V. (Düsseldorfer Ruderverein 1880 e.V.) untergebracht. Dann ging es in die "Ühl" -  einen Ort, der Gott sei Dank von den wenigsten Rheinreisenden, ja selbst von Einheimischen wenig gekannt ist. Doch darin gerade in der anspruchslosen Bescheidenheit beruht der Hauptreiz der Ühl, sie, die ihrem Charakter und Verdienste nach an die Seite des berühmten Nürnberger-Bratwurtsglöckle in Reisebüchern ebenbürtig sich zu stellen berechtigt wäre. Uns erwartet in diesem ihrem Stammlokal eine lustige Gesellschaft. Allabendlich tagen sie dort, die Stammherren der Ühl" mehr oder minder zahlreich vertreten, große Geister der verschiedensten Berufsarten, Leuchten derWissenschaft und Kunst, eine Republik bildend mit ehrwürdigen unantastbaren Gesetzen, aber Hohn sprechend jedem gesellschaftlichen Despotismus. 

Stimmte schon der dortige Willkommenstrunk als harmonischer stilvoller Schluß zu unserer Reise (Es war die erste Etappe, die von Bieberich nach Düsseldorf führte.), so krönte recht eigentlich diese erste Hälfte der Fahrt ein Fest, welches ebenda nach einigen Tagen um den Altar des hergeruderten Bopparder Fäßleins unter sangesfrohen Ruder- und Rheinfreunden gefeiert wurde."